"Hier haben Sie den Beginn einer neuen Musik des 21. Jahrhunderts, wo die Komposition schon räumlich ist."
Peter Weibel (Künstlergespräch 2016)

Aura calculata ist eine Wasserorgelskulptur aus 18 kreisförmig arrangierten gläsernen Orgelpfeifen. Ihre Aktivität steuern die Pfeifen in Abhängigkeit von der Aktivität ihrer unmittelbaren Nachbarn. Dazu sind sie über Kabel miteinander verbunden. Ähnlich wie bei einer La-Ola-Welle gibt ein festgelegtes Set an Nachbarschaftsregeln vor, wann eine Pfeife aktiv ist, d.h. wann sie leuchtet und einen Ton spielt. Nur der Takt wird noch von außen vorgegeben.

Sonore Hydrologik Jede Pfeife analysiert auch ihre eigene Aktivität: Die Wassersäule im Pfeifenkörper – und damit verbunden die Tonhöhe – fällt oder steigt, je nachdem, wie aktiv die einzelne Orgelpfeife in den letzten Zuständen war. Gespeist werden die Pfeifen aus einem Wasserreservoir im Zentrum. Über ein Ventilsystem kann Wasser zu- und abfließen. Zu Beginn füllen sich alle Pfeifen, indem das Zulaufventil geöffnet wird und sich die Pfeifen durch den Wasserdruck des Reservoirs in der Mittelsäule gleichmäßig füllen. Beginnt die Orgel zu spielen, haben alle Pfeifen die gleiche Füllhöhe und spielen den gleichen Ton.

Die Wasserorgel 'aura calculata' in der Ausstellung 'Logische Phantasien' in der Kunsthalle Jesuitenkirche in Aschaffenburg, 2020.
Die Wasserorgel 'aura calculata' in der Ausstellung 'Logische Phantasien' in der Kunsthalle Jesuitenkirche in Aschaffenburg, 2020.
Detail des Ventilsystems.
Detail des Ventilsystems.
Ein besonderes Ventil reguliert auch die Windzufuhr über der Pfeife.
Ein besonderes Ventil reguliert auch die Windzufuhr über der Pfeife.
Die Füllstände der Pfeifen bestimmen die gespielte Tonhöhe.
Die Füllstände der Pfeifen bestimmen die gespielte Tonhöhe.
Intonation der Pfeifen in der Orgelwerkstatt Jäger & Brommer in Waldkirch.
Intonation der Pfeifen in der Orgelwerkstatt Jäger & Brommer in Waldkirch.
Tim Otto Roth im Gespräch mit Heinz Jäger & Wolfgang Brommer.
Tim Otto Roth im Gespräch mit Heinz Jäger & Wolfgang Brommer.
Bei den 18 Pfeifen kommt keine additive Nachbarschafstregel wie bei den Soundpixeln zum Einsatz, da Additionsregeln bei der niedrigen Anzahl an Agenten keine ausreichende Dynamik entfalten.
Bei den 18 Pfeifen kommt keine additive Nachbarschafstregel wie bei den Soundpixeln zum Einsatz, da Additionsregeln bei der niedrigen Anzahl an Agenten keine ausreichende Dynamik entfalten.

Klangfarbenspiel Durch die wechselnd Füllhöhe der Pfeife verändert sich nicht nur der Grundton und damit die Höhe der durch Wind (lat. aura) angeregten Klänge, sondern auch das jeweilige Timbre. Auf diese Weise überlagern sich die Töne im Raum, bilden immer wieder Schwebungen und weben einen kontinuierlich sich wandelnden Klangteppich – eine Erweiterung des Instruments Orgel um eine mikrotonale Dimension.

Aura calculata wurde im Winter 2016 in den imachination labs realisiert in Zusammenarbeit mit den Orgelbauern Jäger & Brommer aus Waldkirch anlässlich der Ausstellung XX oder der 'Mummelsee in der Pfanne' in der Städtischen Galerie Offenburg.

ⓘ Acrylglas, Metallpfeifen, Aluhalbschellen, Ventile, Windsystem mit Balg, Schläuche, Mikroelektronik (Arduino), LED, destilliertes Wasser, Pumpe, Kabel, Niedervoltstromversorgung, ca. 2*2,5 m

Logische Phantasien (2019) Anlässlich der Einzelausstellung in der Kunsthalle Jesuitenkirche tritt aura calculata in einen Dialog mit dem prophanisierten barocken Sakralbau. Die Wasserorgel thront gewissermaßen auf der Apsis, wo sie zu jeder halben Stunde für rund 10 Minuten erklingt. Dank einer überarbeiteten Steuertechnik fährt der Wind ganz allmählich an, so dass langsam mehr oder weniger aus dem Nichts die Töne der Pfeifen sich im Raum formieren. Die Dramatik wird noch gesteigert durch den Takt der sich öffnenden und schließenden Wasserventile, der sich abwechselnd beschleunigt und wieder verlangsamt. Am Ende des Zyklus hauchen die Töne mit dem versiegenden Wind aus. Nur die wechselnden Lichter und das Klacken der Ventile verbleibt.

Logische Phantasien
Making-of 2016
Präsentation 2020

Cyberfloor Die kybernetische Logik der Wasserorgel nimmt darüber hinaus noch auf ganz andere Weise den Kirchenraum in Beschlag: Analog zu den 18 Pfeifen pflanzt sich von der Apsis ausgehend mit einer Breite von 18 Fußbodenkacheln ein Bodenornament durch das Kirchenschiff und gibt so der Kunsthalle ein neues Gewand. Das Muster der auf den Kachseln aufgebrachten retroreflektierenden Bodenpunkte nehmen dabei die Regel auf, die die Orgel antreibt (Wolfram Code 30). Auch das unweit von aura calculata frei im Raum hängende MaSo-Knüpfwerk verdankt die Genese der fraktalartigen Muster einer ähnlichen Selbstorganisationsregel.

ⓘ ca. 200 Kreise aus selbsklebender retroreflektierender Folie, Durchmesser 30cm, Fläche total, ca. 8 x 35 m

Publikationen

Logische Phantasien. Mit Beiträgen von Sebastian Baden, Thomas Richter and Barbara Maria Stafford, Heidelberg: Kehrer Verlag 2020.
Peter Weibel: Soundart. Sound as a Medium of Art, MIT Press 2019, S. 388-393.

XX oder der 'Mummelsee in der Pfanne'. Mit einer Einführung von Karin Leonhard, Offenburg 2016.